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Ваймарский роман-2

- Hallo, hallo, hallo! Endlich!

- Wie „endlich“ ?! Ich war doch erst vor drei Monaten bei euch! Hallo!

Julia rannte auf mich zu und schlang mir die Arme um den Hals. Für einen Moment kriegte ich keine Luft, doch dann lockerte sie auch wieder den Griff. Wie kann eine 1,50m große, kaum über 40kg schwere Frau solche Kräfte in ihren dünnen Ärmchen haben?

-Vera!

-Dan! – Der Riese, der mich im Kreis herumwirbelte, ging trotzdem wesentlich sanfter mit mir um, als seine winzige Ehefrau. – Lass mich wieder herunter! Wollt ihr mich gar nicht herein bitten?!

Endlich gingen wir ins Haus, Daniel beladen mit ihrem Koffer, den er aus einem kleinen, silbernen Auto holte.



- Ehrlich, Vera, wann kaufst Du Dir endlich einen richtigen Wagen? Die Schmuckschatulle meiner Frau ist größer. Ich kann Dir schon morgen einen Chevrolet besorgen …

- Vergiss es, Daniel! Ich liebe meinen kleinen Koreaner! Er ist wendig, leicht zu fahren und ich kann überall damit parken. Mit Deinem Chevrolet komme ich nicht einmal in eure Einfahrt.

- In „meinem“ Chevrolet passt zumindest etwas mehr hinein, als ein Koffer!

- Dieser Koffer ist nur so groß, weil ich drei Wochen hier verbringe. Und es passt alles in mein Auto, was ich brauche!

- Würdet ihr beiden aufhören! – schalt Julia dazwischen. – Gerade mal zwei Minuten zusammen und schon müsst ihr streiten!

- Ich mach mir halt nur Sorgen, wenn sie in dieser Blechbüchse, die sie „Auto“ nennt,  auf der Autobahn heizt.

- Ich hab Dich auch sehr lieb, Dan! Aber jetzt würde ich gern duschen, es sind ja mind. 40°  da draußen!


Ich war beinahe vier Stunden unterwegs, mit meinem Huyndai Athos Prime. Für alle, denen der Name nichts sagt, es handelt sich um einen wunderschönen, kompakten 5-Türer. Allerdings eignen sich die knapp 43 PS, die sich unter der schmucken Motorhaube verstecken, nicht wirklich für regelmäßige Berg- und Talfahrten, wie ich sie hinter mir hatte. Ich würde das aber niemals Dan gegenüber erzählen, sonst fühlt er sich noch mehr im Recht, als normal. Würde ich ihn nicht so sehr lieben, wäre er kaum zu ertragen.

Das Auto hat selbstverständlich auch eine Klimaanlage, aber ich benutze sie nicht. Lieber kurbele ich die Fenster herunter und genieße den Wind, gegen den die Musikanlage auf voller Lautstärke gerade noch so ankommt. Ich liebe das Autofahren.

Vor drei Monaten habe ich meiner besten Freundin und ihrem Ehemann beim Umzug in dieses schicke Reihenhäuschen mitten in Wiesbaden geholfen. Und versprechen müssen, später noch mal wieder zu kommen, um sich zu erholen. Da aus meinem Griechenurlaub mit Tom nichts geworden ist, bin ich jetzt hier.

Ich habe Julia vor sechs Jahren im Studentenwohnheim kennen gelernt. Die einzige Gemeinsamkeit zwischen uns: die Muttersprache  Russisch. Wobei nicht mal das ganz genau stimmt: meine Großmutter blieb stets bei der Behauptung, ich hätte zuerst deutsch gesprochen und erst dann russisch gelernt. Ich konnte ihr schlecht widersprechen, weil ich mich nicht mehr daran erinnern konnte. Seit einem halben Jahr kann ich mit ihr überhaupt nicht mehr sprechen. Nach einem harten, aber hoffentlich auch schönem, 80 Jahre langem Leben fand sie ihre Ruhe.

Aber zurück zu Julia und mir. Sie ist nur zwei Jahre älter als ich, sieht aber 5 Jahre jünger aus. Als Au-pair kam sie 2000 nach Deutschland und studierte hier Anglistik und angewandte Informatik. Ich lebte hier bereits seit 10 Jahren und wollte eigentlich schon immer Bibliothekarin werden. Also ließ ich mich in die hannoversche Fachhochschule einschreiben. Drei Monate später zog sie in das Zimmer gegenüber und seit dem Tag sind wir Freunde.

Jetzt ist sie verheiratet mit Daniel Hoskins, einem amerikanischen Soldaten, den sie über das Internet (!) fand. Ein Jahr später heirateten die beiden und sie zog nach Kaiserslautern, wo er stationiert war. Drei Jahre, einen Einsatz im Irak und mehreren Beförderungen später kauften die beiden sich das Haus in Wiesbaden.

Im Unterschied zu Julia, der Offiziersfrau, ziehe ich wesentlich häufiger um, und zwar wegen meiner Arbeit. Wer glaubt, dass ein Job in der Bibliothek ruhig und langweilig ist, kennt die „Branche“ einfach nicht. In den letzten zwei Jahren ist es mein dritter Umzug quer durch Deutschland und ich bin einigermaßen froh, dass es noch nicht darüber hinaus ging. Jetzt habe ich drei Wochen Sommerurlaub (zum ersten Mal, seit dem Studium) und wollte eigentlich nach Griechenland mit Tom, meinem Freund, bevor ich dann nach Weimar ziehen würde, um meinen nächsten Auftrag zu übernehmen, aber … ich bin hier.

Ich habe Tomas in Wolfenbüttel kennen gelernt, wo ich zuletzt für 18 Monate beschäftigt war. Während ich bereits mit 12 Jahren in ein anderes Land umgezogen bin und auch in diesem schon ein Dutzend Male die Adresse gewechselt habe, hat er seine 28 Jahre in dieser 40'000 Seelen-Stadt verbracht. Und das wollte er auch weiterhin tun - mit mir oder ohne mich.


- Ich habe Tom verlassen. – meine Telefongespräche mit Julia waren bereits legendär in unseren Freundschaftskreisen. Unser Rekord liegt bei drei Stunden ununterbrochenem Austausch an Neuigkeiten am Hörer. Während dieser Zeit sitzen wir übrigens nicht herum, sondern bügeln, putzen, waschen, kochen, räumen Dinge aus oder ein, fegen die Terrasse, erledigen die Maniküre, Pediküre usw. Nur das der Staubsauger kann nicht parallel geschaltet werden. Kann nicht jemand einen geräuschlosen Staubsauger erfinden und auf den Markt bringen? Gerade jetzt war ich dabei, unsere gemeinsamen Fotos mit Tom zu zerschneiden, während ich Julia über den Stand der Dinge informierte.

- Was ist passiert? – Julia kochte gerade das Abendessen, ich hörte die Töpfe klappern.

Er hat mir ein Ultimatum gestellt: ich soll in Wolfenbüttel bleiben, sonst ist es aus mit uns. Er will keine Fernbeziehung. Braunschweig würde auch noch in seinem Bereich liegen, aber darüber hinaus nichts mehr. Ich glaube, Hannover liege ihm schon zu weit weg.

- Und was sollst Du in Wolfenbüttel machen? Daniel ist gekommen und grüsst Dich ganz herzlich.

- Ja, danke, gib ihm einen Kuss von mir. – Den Geräuschen nach zu urteilen, hatte sie meine Anweisung sofort befolgt.

- Zurück zu Dir. Was sollst Du da machen?

- Die Frage habe ich ihm auch gestellt. Aber er wollte sich nicht so direkt dazu äußern. Da habe ich die Nerven verloren und es wurde hässlich.

- Wie hässlich?

- Na ja, er sagte so etwas wie: „er weiß noch nicht, wohin unsere Beziehung uns führt, aber wenn ich wegfahre, dann mache ich alles kaputt, und wir werden nie die Chance haben herauszufinden, ob wir nicht füreinander bestimmt wären“.

- Er ist ein Idiot.

- Ja. Dann sagte ich, dass ich einen Mann brauche, der weiß, was er will und wen er will. Daraufhin fing er damit an, dass ich ihn in die Ecke drängen wolle. Er wäre aber für eine Heirat noch nicht bereit, das wäre ein viel zu wichtiger und gewagter Schritt.

- Und du?

- Ich fragte ihn, woher er die Idee hätte, dass ich ihn heiraten wollte. Da sah er mich ganz  beleidigt an. Wir hatten vor, in das neue italienische Restaurant zu gehen, aber ich hatte so eine Wut auf ihn, ich hätte ihm bestimmt die Spaghetti auf den Kopf geworfen! Also hab ich gesagt, dass es heute nichts wird und er weggehen soll. Da wollte er mich umarmen…

- Oh nein!

- Oh doch! – erwiderte ich mit einer gewissen Genugtuung. – Ich habe sein Weihnachtsgeschenk zerdeppert.

- Diese hässliche Vase, für die er soviel Geld hingeblättert hat?

- Genau. – Ich musste grinsen, obwohl ich immer noch wütend war. – Er hat Angst gekriegt und mich eine Wahnsinnige genannt. Da hab ich ihm gesagt, er solle sich seine Freundinnen besser aussuchen. Jedenfalls hab ich ihn aus der Wohnung geschmissen, bevor er es richtig merkte und ab da nicht mehr die Tür aufgemacht. Und seine Anrufe nehme ich auch nicht entgegen.

- Du und Tom wolltet doch nach Griechenland, was ist jetzt damit?

- Ich habe beim Reisebüro angerufen und alles storniert. – ich musste wieder lächeln. – Tom weiss noch nichts davon…

- Und was willst Du machen?

- Keine Ahnung. – Die Wut verrauchte so langsam und zurück blieb die Müdigkeit. Aber ich wusste auch, dass an ihre Stelle bald Selbstzweifel und leise Verzweiflung kommen würden. Ich habe es noch nicht geschafft, meine Beziehungen zivilisiert zu beenden. Sie weiterführen konnte ich allerdings auch nicht.

- Vera, Du packst jetzt Deine Sachen und kommst zu uns. Dan und ich arbeiten, also hast Du den ganzen Tag das Haus für Dich und abends unternehmen wir was.


Ich musste nicht lange nachdenken – Julias Haus (jetzt unabhängig von der Adresse) war mir immer offen und ich genoss die Zeit mit Hoskins. Julia arbeitete auf dem gleichen Stützpunkt wie ihr Mann, bloß saß sie in der Versorgungszentrale. In der kleinen Blondine steckte ein mathematisches Genie und so saß sie in der EDV-Abteilung, von wo aus sämtliche Stützpunkte auf dem eurasischen Kontinent mit Haushaltsgeräten, Kleidung, Medikamenten und anderen lebenswichtigen Dingen aus dem Zivilleben versorgt wurden.

Julia schaffte allerdings noch neben der Arbeit, mit Freunden und Bekannten aus aller Welt Klatsch und Tratsch per e-mail auszutauschen.

Ich war gerade mal 3 Tage da, als Julia mit einem so geheimnisvollen Gesicht von der Arbeit kam, dass ich schon aus Prinzip beschloss, nicht danach zu fragen. Es dauerte ja auch nicht lange, bis sie ganz beiläufig auf das Thema kam.

- Ich kenne da jemanden.

- Das ist doch nichts besonderes - wen kennst Du nicht?

- Nein, ich hab Dir doch von Elena erzählt, die mit Alfredo verheiratet ist, die beiden besitzen hier ein Restaurant.

- Ja, die Frau aus Moskau.

- Genau. Sie hat einen Bruder. Er lebt auch hier und möchte heiraten.

- Schön für ihn. – Ich lag auf der Terrasse unter einem hübschen Sonnenschirm und habe seit heute morgen nichts getan, ausser sich beim Bräunen und das Gras beim Wachsen zu beobachten. Zugegeben, meine Gedanken wateten ganz langsam durch den Kopf. Zu langsam für Julia.

- Er möchte eine Deutsche heiraten, um die Staatsbürgerschaft zu bekommen.

Als immer noch keine Reaktion kam, seufzte Julia ungeduldig:

- Du bist eine Deutsche. Im Gegensatz zu uns allen.

Langsam dämmerte es mir.

- Was? Mich? Oh, nein, ganz bestimmt nicht!

- Warum nicht?

Ich wollte sie auslachen, sah aber, dass es der Freundin ernst war.

- Jul’, ich möchte nicht heiraten, ich habe gerade erst Tom verlassen, was soll ich jetzt mit diesen Russen, den ich überhaupt nicht kenne, anfangen?!

- Gar nichts. Es ist ja nur eine fiktive Ehe, ihr müsst nicht einmal zusammenleben. Drei Jahre seid ihr auf dem Papier verheiratet, er bekommt die deutsche Staatsbürgerschaft und Du bekommst 15'000 Euro.

- Ich habe genug Geld für mich.

- Geld kann man nie genug haben. Hast Du mir nicht erst neulich erzählt, Dein Vater hätte die Kur bitter nötig und die Krankenkasse will es nicht bezahlen?

- Ja, aber…

-Und Deine Mutter? Du hast doch gesagt, dass sie ständig Geldsorgen haben.

-Ja, das stimmt schon…

- Und was ist mit Deinen Umzügen? Sie fressen jedes Mal Unsummen auf! Zumindest darum müsstest Du Dich nicht mehr kümmern.

- Hör zu, Julia …

- Ich verstehe Deine Gründe nicht. Wäre ich nicht glücklich verheiratet, würde ich es tun. Drei Jahre sind schnell vorbei und Du kriegst eine hübsche Summe.

- Habe ich Bedenkzeit? – schalt ich dazwischen.

- Ja, bis Ende der Woche. Er hatte schon eine Kandidatin gefunden, aber das Mädchen macht Probleme. Er sucht nur eine anständige Frau, die den Vertrag einhält. Du bist die Einzige, die mir dabei eingefallen ist. Auf Dich kann man sich verlassen und das hab ich auch ihm gesagt. Ich würde ihn allerdings auf 20 Riesen bringen.

- Ich will mich über die rechtlichen Konsequenzen informieren, bevor ich mich entscheide. Und es muss auf jeden Fall vor meiner Familie geheim bleiben. Die ganze Zeit. Ich recherchiere heute Abend im Internet und bis dahin will ich kein Wort mehr darüber hören!

Ich machte die Augen wieder zu und befahl mir, nicht mehr darüber nach zu denken


Tags: литературные страсти
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