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Ваймарский роман-3

Abends, als Daniel sich mit einem neuen Krimi und einer Zigarre auf die Terrasse verzog, sprach sie erst das Thema wieder an:

- Was hast Du herausbekommen?

- 3 bis 5 Jahre.

- Wie bitte?
- Sollte das Ausländeramt eine fiktive Ehe feststellen, kann ich meine Karriere vergessen, von Geld- und Haftstrafen mal ganz zu schweigen.


Julia winkte gelassen ab:

- Wie sollen sie das beweisen?

- „Sie“ brauchen gar nichts zu beweisen, „sie“ stellen es einfach in den Raum und wir werden die Beamten von unserer „Liebe“ überzeugen müssen.

- Du übertreibst. Wenn das so wäre, gäbe es überhaupt keine Heirat zwischen Ausländern und Einheimischen mehr.

- Ich bin auch keine Einheimische.

- Nein, aber Du hast die Staatsbürgerschaft seit … seit wann eigentlich?

- Seit 1990. – antwortete ich mürrisch.

- Siehst Du! Du sprichst Russisch und Deutsch, bist clever und mehr als anständig. Ihr werdet überhaupt keine Probleme haben!

- Selbstverständlich werden wir Probleme haben! Meine Familie würde es nie verstehen. Sie dürften es nie, nie erfahren und ich meine damit, meine komplette, gigantische, in allen Ecken Deutschlands lebende Familie.

Wenn er in Wiesbaden bleiben will, so muss er trotzdem in meiner Wohnung und im Mietvertrag auftauchen. Wir brauchen gemeinsame Fotos und ein paar Sachen wie Zahnbürste, Wäsche, Geschenke. Als Zeugen könntet ihr durchgehen. Es passt zumindest ganz gut, dass ich gerade erst einen 3-jährigen Vertrag in Weimar unterschrieben habe.

- Das klingt, als ob Du Dich bereits entschieden hättest.

- Ich habe noch gar nichts! Ich überlege nur … Wir brauchen einen Ehevertrag. Sein Vater ist doch so superreich, oder?

- Ja.

- Dann ist ein Ehevertrag nötig. So etwas wie „er will mein Geld nicht, ich will sein Geld nicht und falls wir uns scheiden lassen, ist keiner für den anderen verantwortlich“.

- Das ist gut. Das kann sein Anwalt klären. Er wird auch den Notar bezahlen. Überhaupt wird er sich jetzt um Deine Rechnungen kümmern.

- Nein. Wenn überhaupt, möchte ich 20 Tausend und er bezahlt die Heirat. Aber sonst braucht er für mich nicht zu blechen.

- Nicht so schnell! Ich rede mit ihm und dann sehen wir weiter… ich kenn’ dich doch. Nachher stehst du ohne alles da.

- Jul’, mir ist nur wichtig, dass niemand von meinen Verwandten davon weiss, verstehst Du? Wenn das nicht möglich ist, blas’ ich die Geschichte ab.

- Wie sollen sie das erfahren? Ob Du verheiratet bist oder nicht, steht ja nicht einmal im Pass. Und Deine Mutter ist in Kanada, wenn Du ihr nichts sagst, wie soll sie es dann erfahren? In drei Jahren, wenn Du fertig in Weimar bist, ist das ganze auch vorbei.

- Da fällt mir ein, wie heisst der gute überhaupt?

- Ilja… - wir sahen uns an und mussten lachen. Sie wusste bereits, dass ich es durchziehen würde. Während der sechs Jahre Freundschaft, konnte ich die Fälle an den Fingern einer Hand zusammenzählen, wo ich Julias Ideen widerstehen konnte.

 

Aber ich hatte auch gute Gründe, die Sache vor meinen Verwandten geheim zu halten. Obwohl ich meinen Vater nie kennengelernt habe, hatte ich nie Mangel an männlichen Bezugspersonen – Großvater, Dutzende von Onkel (echte und angeheiratete) und Mamas bester Freund und seit 15 Jahren mein Stiefvater, Dennis.

In den 90-ern schlossen wir uns der Ausreisewelle nach Deutschland an, denn meine Mutter ist deutscher Abstammung (ich dementsprechend auch). Wir gewöhnten uns wieder an die Sprache, ich ging in eine deutsche Schule und das neu angefangene Leben funktionierte nach anfänglichen Schwierigkeiten ganz gut.

Vor 3 Jahren dann, kam ein Brief aus Kanada an. Wir wussten, dass dort Mamas Großtante lebte, obwohl sie jetzt an die 90 Jahre wäre. Tante Klothilde entkam mit ihrer älteren Schwester und anderen Verwandten kurz vor der Revolution 1916 zunächst nach Südamerika und landete dann in Kanada. Danach wurden die Sowjetunion und der Kommunismus gebaut und die Grenzen waren dicht. Eine meiner Urgroßmütter kam übrigens nicht mehr durch die Grenze und musste vom Odessa, dem Emigrantenhafen, wieder zurück. Doch soviel zur Geschichte. Tante Klothi, wie sie genannt werden wollte, lud meine Mutter und mich zu einem Treffen. Dennis und wir flogen hin und lernten eine 1,30 große, von Falten übersäte uralte Dame kennen. Sie weinte als sie uns sah und behauptete, ich wäre ihrer bereits verstorbenen Schwester wie aus dem Gesicht geschnitten. Ich stimmte höflichkeitshalber zu, obwohl auf den Fotos keine bemerkenswerte Übereinstimmung zu sehen war. Was soll’s. Nach drei Wochen kamen wir nach Deutschland zurück und 5 Monate später kam ein Anwalt vorbei. Klothilde Merten sei im Alter von 90 Jahren gestorben. Ihren Besitz teilte sie zwischen mehreren Verwandten auf, den Löwenanteil bekam aber meine Mutter: das riesige Anwesen, auf dem wir sie trafen, eine Textilfabrik und mehrere Läden. Nach dem anfänglichen Schock packten meine Mutter und Dennis ihre Sachen und fuhren wieder nach St.Catharines zurück. Mama hatte sich in das Land verliebt und auf dem Anwesen fühlt sie sich so richtig wohl. Ganz überraschend haben die anderen Erben sie wohlwollend aufgenommen, wohl aus dem Grund, dass Mama sie alle in den Aufsichtsrat der Fabrik geholt hatte. Bisher funktioniert alles einigermaßen, vor allen Dingen, da sie selbst etwas von Stoffen versteht und auch Experten zur Rate zieht.

Ich steckte mitten im Studium und wollte das nicht abbrechen. Und so sehr ich meine Mutter auch liebe, ein wenig Distanz tut uns ganz gut. Wir telefonieren ganz oft und jeden Sommer verbringe ich auf den Niagarafällen und lasse mich nach Strich und Faden verwöhnen.

Ich lag aber falsch, als ich dachte, dass ich jetzt in Deutschland keine Kontrolle hätte. Seit der Grenzöffnung zwischen der Sowjetunion und dem Rest der Welt sind sämtliche Verwandte meiner Mutter nach Deutschland gekommen und sie in dem ganzen Land verteilt. Onkel und Tanten, Cousins und Cousinchen, Neffen, Nichten und Großtanten mit Großonkel – bei der alljährlichen Familienzusammenkunft kamen dieses Mal 350 Menschen zusammen.

Sie alle sind ganz verschieden, einige sind meine besten Freunde, andere kenne ich nur vom Sehen, eine Gemeinsamkeit haben sie aber alle: ein Geheimnis können sie nicht bewahren. Und sollte einer von denen meine Heirat spitz kriegen, kann ich sicher sein, das am nächsten Tag es auch meine Mutter weiss und der Rest der Welt dazu. So wie ich meine geliebte Familie kannte, würden sie sich nicht einfach zur Seite abschieben lassen. Also müsste ich ihnen Ilja vorstellen und das würde eine Kettenreaktion auslösen, die ihren Gipfel in einer gigantischen, mehrere Tage dauernden Hochzeit haben würde.

Deshalb war es von entscheidender Bedeutung, mich niemandem gegenüber zu verplappern.

Ilja und ich trafen uns noch in der gleichen Woche. Er war weder gutaussehend, noch hässlich. 1,70m groß, war er nur wenige Zentimeter grösser, als ich. Kräftig gebaut und dunkelhaarig, sollte er eigentlich mein Typ sein, doch dieser spezieller Mann ließ mich völlig kalt. Das schien ihn jedoch nicht zu stören. Er schien überhaupt ein sehr ruhiger Typ zu sein. Nie hatte er es eilig, nie schien er aufgeregt oder nervös. Wir besprachen alle Details und ich erzählte ihm meinen Plan.

Offenbar hatte Ilja die Heirat wirklich nötig, denn er willigte ein.

 

Zwei Wochen später stand ich im Wartesaal des Standesamtes Wiesbaden in einem schicken weiss-gelb gestreiften Etuikleid von Donna Karan. Weisse Pumps auf kleinen spitzen Absätzen passten zu der kleinen Handtasche, die ich von Julia ausgeliehen hatte. Zusammen mit Hoskins standen Elena und Alfredo Persini und mein Bräutigam, Ilja Reshetnikoff.

Er nahm meine Hand, legte sie auf seinen Ellbogen, um mich in den Festsaal zu führen. Dort, wo schon die Beamtin auf die Hochzeitsgesellschaft wartete.

„Es ist nicht richtig!“ – dieser Satz tauchte plötzlich in meinem Kopf auf und ließ sich nicht mehr verdrängen. Der Gedanke kam auch früher, doch ich konnte ihn immer verdrängen. Jetzt aber nicht. Es lief ganz anders, als ich immer dachte: meine Familie war nicht voll dabei, ausser Dan und Julia auch keine Freunde. Ich verkaufte drei Jahre meines Lebens einem Fremden für Geld! Das konnte ja gar nicht gut gehen! Diese fiese innere Stimme klang immer lauter und hämmerte auf meine Ohren ein: sag ihnen allen, dass das nicht richtig ist! Na los, sag es!

- Ja! – hörte ich mich in den Raum sagen und die Frau mir gegenüber nickte mit dem Kopf.

- Kraft des mir verliehenen Amtes …

Ich hörte nichts mehr. Eine Unterschrift, einen flüchtiger Kuss und zwei Ringe später wurde ich von Julia umarmt. Das war’s. Ich bin  verheiratet.

 

Danach fuhren wir in der Kutsche durch Wiesbaden und Julia knipste Fotos von uns an besonders romantischen Stellen. Das Restaurant habe ich kaum mitgekriegt und dann fuhren wir beide ins Hotel, wo eine Suite für uns bereit stand. Hatte ich erwähnt, dass Iljas Vater ein Multimillionär in Moskau war und seine Kinder absolut keine Geldsorgen hatten? Nun, er hatte auch kein Problem, mir die 20 Tausend in bar in einer kleinen Stahlkassette zu geben, die jetzt in meinem Gepäck bei Julia lag. Das Theater mit der Kutsche und dem Restaurant und natürlich dem 5-Sterne Hotel zogen wir nur für das Ausländeramt durch. Ein frisch verheiratetes Paar, wie es im Buche steht.

 

Die offizielle Geschichte lautete, dass Ilja in Wiesbaden wegen seines Studiums blieb, während ich einen lukrativen Arbeitsvertrag in Weimar hatte. Dieser Teil entsprach der Wahrheit, so dass ich mir keine Sorgen machte. Überhaupt wollten wir soweit es geht, realistisch bleiben, vor allen Dingen, damit ich keine Fehler machte.

Wieder in Weimar stürzte ich mich in die Arbeit – es war ja immer noch alles neu und alles musste gelernt werden, angefangen bei dem Labyrinth der Arbeitsräume und den Dutzenden neuer Namen. Da ich meine Kollegen noch nicht richtig kannte und den Europäern eine gewisse Zurückhaltung vor dem Privatleben anderer obliegt, habe ich einfach niemandem erzählt, dass ich verheiratet bin. Es kam nur bei der Personalverwaltung zur Sprache, als ich die Formalitäten erledigen musste.

Ausserdem hatte ich wieder eine neue Wohnung, die eingerichtet werden musste, neue Geschäfte, die von mir entdeckt werden wollten, die Museen und Kaffees der Stadt standen mir offen … Ich konnte mich erfolgreich ablenken.

Es schien auch zu klappen. Einmal in zwei Monaten kam Ilja zu mir in die Wohnung und übernachtete im Wohnzimmer, wir telefonierten täglich, damit man anhand unserer Rechnungen den Kontakt nachweisen konnte. Ilja schaltete seinen Anwalt ein, der sämtliche Formalitäten mit Auslandsamt regelte. Ein halbes Jahr ging alles gut.

 

Bis ich eines Abends Besuch von der Polizei bekam. Nach der Arbeit schlenderte ich noch ein wenig durch den Strassenmarkt – das Wetter diesen Winter war ungewöhnlich schön und wollte noch etwas Sonne genießen, nachdem ich den ganzen Tag vor dem PC verbrachte. Beladen mit einem Blumenstrauss und Gemüse, versuchte ich mit einer Hand die Hausschlüssel aus der Handtasche zu fischen, als zwei uniformierte Männer auf mich kamen. Ich dachte überhaupt nicht an Ilja, sondern an die Feiertage, die uns bevorstanden. Ich hatte noch keine Weihnachtsgeschenke für meine Lieblingscousinen und ein Haufen Grusskarten musste noch geschrieben und verschickt werden.

- Frau Herzfeld?

- Ja.

- Mein Name ist Funding, das ist Herr Passel, Kriminalpolizei Weimar. Wir müssen Ihnen ein paar Fragen stellen.

- Ja, gut. – Ich bekam endlich den Schlüsselbund zu fassen und konnte die Tür öffnen. – Kommen Sie herein. – wir blieben in der Küche stehen und ich lud die Sachen ab. - Worum geht es?

- Kennen Sie einen Herren Reshetnikoff?

- Was ist mit Ilja? – jetzt bekam ich es mit der Angst zu tun. – Geht es ihm gut?

- Sie kennen ihn also. In welchem Verhältnis stehen Sie zu ihm?

- Er ist mein Mann. Was ist denn los? – ich fing an zu zittern und einer der Beamten schob mir einen Stuhl hin.

- Wann haben Sie ihn das letzte mal gesehen?

- Was ist denn los? – ich schrie fast, konnte mich jedoch mühsam beherrschen.

- Bitte beantworten Sie unsere Fragen. – der Mann war wie aus Stein, ruhig und absolut kalt. Genau das beruhigte mich aus irgend einem Grund.

- Ich … es war vor 3 Wochen. Ich war in Wiesbaden. Er studiert dort. Bitte sagen Sie mir, ist er gesund? Ihm ist doch nichts passiert? Er ist doch nicht… - nein, das konnte ich nicht aussprechen.

- Es ist gesund. Sagen Sie, was studiert ihr Mann eigentlich?

- Angewandte Bautechnologie. Im dritten Semester. Sagen Sie mir jetzt, was los ist?!

- Ihr Mann wurde wegen Drogenbesitz und Handel verhaftet.


Tags: литературные страсти
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