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Ваймарский роман-4

Als sie nach eine Stunde gingen, kam mir der Gedanke, dass ich das nur geträumt hätte. Aber nein, auf dem Küchentisch lag die Vorladung der Polizei von Wiesbaden. Schon morgen soll ich dort erscheinen und einige Fragen beantworten. Welche Fragen?! Und welche Drogen?

Ich glaube, ich habe nur einmal in meinem Leben Gras zu sehen bekommen, in einem Tütchen – eine Bekannte hatte mir das in die Hand gedrückt, aber ich gab ihr das Päckchen mit schmutzig-grünen Fasern zurück. Wir beiden waren in der 8. Klasse und fühlten uns unglaublich erwachsen. Ich weiss gar nicht mehr, was sie damit gemacht hatte. Vielleicht war es auch kein Marihuana – Corinna gab gerne mit allen möglichen an und es musste nicht wirklich stimmen. Kokain kannte ich nur aus dem Fernsehen, wenn es stimmen würde, was die erzählen, müsste es wie Mehl aussehen. Aber wer glaubt schon heutzutage dem Fernsehen?


Mir war schon klar. dass die Gedanken, die mir an dem Abend durch den Kopf schwirrten, während ich meine Sachen packte, um nach Wiesbaden zu fahren, völlig idiotisch waren. Aber ich achtete nicht darauf. Julia nahm das Telefon nicht ab und ich hinterließ eine kurze Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Genau genommen war es nur ein Satz:
- Bin morgen in Wiesbaden, muss bei euch übernachten.

Zum Glück war meine Probezeit in der neuen Bibliothek vorbei und ich konnte problemlos Urlaub bekommen. Ich erzählte meinem Chef nur ganz vage von einem familiären Notfall, was auch nicht gelogen war. Mittlerweile war ich ziemlich gut darin, die Aussagen passend für mich zu formulieren.
Julia musste wohl vor dem Fenster gewartet haben, denn ich kam noch nicht aus dem Wagen, als die Tür schon aufgemacht wurde und sie auf mich zulief. Wir umarmten uns und ich fing an zu weinen. Die ganze Fahrt hierher habe ich mich auf die Autobahn konzentriert, um ja keinen Unfall zu bauen. Jetzt fiel die Anspannung ab und obwohl mir noch das Verhör bevorstand, konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Einen Augenblick später fuhr Daniel in seinem Auto vor.
- Du bist nicht auf der Arbeit. – stellte ich schluchzend fest.
- Ich habe mir frei genommen. Dan auch. Elena hat mir alles erzählt. Komm erst mal herein.
Wir hatten nicht viel Zeit zum reden. Ein halbe Stunde später, ich habe das Gespräch mit den beiden Polizisten erzählt und mir das Gesicht gewaschen, brachte Daniel mich zum Polizeirevier.

Die Beamten waren eigentlich gar nicht so übel. Gaben mir Kaffee, einen Sandwich und eine Zelle in der Untersuchungshaft. Wenn Daniel nicht gewesen wäre, hätten sie mich mit Freude dagelassen (für unbestimmte Zeit), aber er wurde richtig laut, drohte mit der amerikanischen Botschaft und konnte mich schließlich nach Hause mitnehmen, auf seine Verantwortung. Ich fand es auch wesentlich angenehmer, Hausarrest zu bekommen, anstatt eine Zelle zu bewohnen.
Zwei Wochen lang verhörten sie mich jeden Tag, mehrere Stunden, durchsuchten meine Wohnung, während ich in Wiesbaden war, unterzogen mich einem Drogentest und verhörten mich wieder. Eigentlich war es nicht schwer, bei denselben Angaben zu bleiben.

...Ilja und ich haben uns kennen gelernt, er bat mich zu heiraten, ich sagte „ja“. Er studiert, ich arbeite, deshalb die getrennten Wohnungen. Ilja wollte sich nach Weimar versetzen lassen. Nein, ich wusste nichts davon, dass er in den Vorlesungen fehle. Und nein, ich wusste nichts davon, dass er exmatrikuliert werden sollte. Ja, wir haben viel Kontakt. Nein, ich wusste nicht, was er sonst noch unternimmt. Er habe nach den Vorlesungen bei seiner Schwester im Restaurant ausgeholfen, wenn das Personal knapp war. Er erwähnte ein paar Freunde, mit denen er ab und zu ausgehe. Natürlich würde ich ihm das nicht verbieten, schließlich wolle ich ihn nicht einsperren. Nein, ich wäre von natur aus nicht eifersüchtig. Und ja, ich würde ihm vertrauen. Nein, er wollte selbst den Zugang zu meinem Konto nicht. Er sagte, das wäre mein verdientes Geld, er wolle nichts davon. Ja, wir machten uns oft Geschenke. Woher er sein Geld hätte? Er sagte, sein Vater würde ihn unterstützen. Nein, ich habe ihn nicht kennengelernt. Ich kenne nur seine Schwester und ihren Ehemann aus Wiesbaden...

Schließlich wurde ihnen klar, dass ich tatsächlich so naiv und unschuldig war, wie ich tat und sie erlaubten mir, wieder nach Weimar zu fahren. Einer der Polizeibeamten sagte, dass bei Ilja grössere Mengen Kokain gefunden wurden.
Wie viel sind „grössere Mengen“? – fragte ich da und er starrte mich entgeistert an. Wieso kann ich meinen Mund nicht halten, bitte schön?!
Es stellte sich heraus, dass 70 g bereits ganz schön viel ist. Ausserdem fand man in seiner Wohnung Marihuana und auch Heroin. Damit drohten ihm so an die 10 Jahre Haft. Aber er war ja Ausländer und deshalb verkomplizierte sich das Ganze noch mal um ein Vielfaches. Der gleiche Anwalt, der sich um seine Staatsbürgerschaft kümmerte, vertritt ihn jetzt vor der Anklage. Iljas Schwester hielt noch Kontakt zu mir und informierte mich über alles. Ich habe meinen „Mann“ nicht einmal zu Gesicht bekommen. Elena sagte, dass er mich in so einer Situation nicht sehen wollte. Ich war so erledigt, dass mich das noch nicht einmal stutzig machte.

- Bleib noch hier und erhol’ Dich ein wenig. – Julia saß auf „meinem“ Bett, während ich die Sachen packte. – Du siehst fertig aus…
- Vielen Dank! – ich war entsetzlich müde und mir graute vor der Heimfahrt.
- Du weisst, wie ich das meine! Es tut mir so leid, dass ich Dich in so ein mist gebracht habe. – Damit habe ich nicht gerechnet. Irgendwie habe ich schon ganz vergessen, dass Julia uns damals zusammengebracht hatte.
- Hör mal – ich setzte mich vor sie und nahm ihre kalten Hände in meine – die letzten Wochen waren schlimm, aber Du hast überhaupt keine Verantwortung dafür! Es ist doch nicht Deine Schuld, dass mein Mann ein Dealer ist! Und Du hast mich nicht gezwungen, ich zu heiraten.
- Ja, aber …
- Es ist alles in Ordnung. Bei meinem Glück hätte ich im Alleingang einen noch schlimmeren Kerl erwischt, also hält sich das noch im Rahmen.
- Welchen Rahmen?!
- Ach komm, ich hätte doch auch einen Kerl heiraten können, der mich schlagen würde. Oder den ich tatsächlich lieben würde und er würde mich betrügen. Oder meine Ersparnisse stehlen. Also, ist das noch überhaupt nicht schlimm, wenn man das von der Seite betrachtet.
- Na ja … - sie blickte mich skeptisch an.
- Bitte, fang nicht auch noch mit Selbstvorwürfen an! Es reicht schon, dass ich mir Sorgen darüber mache, ob die Polizei nicht zu meinen Eltern geht und fragt, was sie von ihrem Schwiegersohn wissen!
- Hast Du es ihnen erklärt?
- Wem? Der Eltern?
- Nein, der Polizei.
- Ja, habe ich. Ich sagte, dass sie, meine Eltern, noch nicht bereit sind für einen Schock dieser Grösse und ich wäre dankbar, wenn die ganze Sache diskret behandelt werden könnte.
- Du musst es ihnen sagen.
- Nein!
- Was, wenn sie es doch erfahren?
- Ich konnte es ihnen nicht sagen, als er noch der Sohn eines Millionärs war und jetzt soll ich es ihnen erzählen, dass ich mit einem Drogendealer verheiratet bin, der festegenommen wurde?! Vergiss es! Ich sagte von Anfang an, dass sie da raus gehalten werden und das schaffe ich auch noch jetzt.
Mittlerweile war meine Tasche längst gepackt und wir tranken noch einmal Kaffee, damit ich auf der Autobahn nicht einschlafe.

Ich ging wieder an die Arbeit, aber ganz ehrlich, ich kann mich an die beiden Wochen nach dem „Urlaub“ nicht erinnern. Zumindest wusste mein Chef noch nichts von den Eskapaden meines „Ehemanns“, so dass ich mich in der Bibliothek relativ sicher fühlte. Ich hätte mir denken müssen, dass es anders kommt.
- Veronika, da ist ein Herr, der Dich sprechen will. – Dorothee, die an der Auskunft arbeitete rief mich an, kurz bevor ich in die Mittagspause verschwinden konnte.
- Gut, ich komme. – mein Sandwich konnte ich auch später essen. Unten, im Fojer der Bibliothek wartete ein dunkelhaariger, Mann um die 50 Jahre alt. – Guten Tag, ich bin Frau Herzfeld, was kann ich für Sie tun?
- Du bist die Frau meines Sohnes. – stellte er auf Russisch fest. – Du kommst mit.

Jetzt erst fiel mir die Ähnlichkeit mit Ilja auf. Er drehte sich um und ging auf die Tür zu, völlig sicher, dass ich ihm folgen würde. Und tatsächlich machte ich ein paar Schritte, bevor mir klar wurde, was ich mache.
- Warten Sie. – ich sprach nun auch russisch, vor allen Dingen, damit meine Kollegen nicht sofort spitz kriegten, um was es sich dreht. Dorothee schaute schon so betont konzentriert auf den Bildschirm hinter der Theke. Ich könnte schwören, dass ihre Ohren dabei zuckten. – Ilja ist in Wiesbaden.
Er blieb stehen, drehte sich um und schaute mich aus seinen schwarzen Augen an.
- Ich weiss. Ich will mich mit Dir unterhalten.
- Ich habe jetzt Mittagspause. Wir können uns im Cafe unterhalten. Ich hole nur meine Tasche.

Egal wie viele Krimis ich bis dahin gelesen hatte, es gab kein einziges Warnsignal in meinem Kopf. Ich holte meinen Mantel und die Tasche und ging ganz ruhig auf die Strasse. Draußen wartete ein schwarzer Mercedes, Reshetnikoff-Senior saß bereits drin. Sein Fahrer machte mir die Tür auf, und ich setzte mich. Sofort fuhr der Wagen los und erst dann fing ich an, mir Sorgen zu machen. Aber was konnte schon passieren? Es war mitten am Tag und um uns herum schlenderten Touristen durch die Stadt.
- Was ist mit meinem Sohn?
- Ich weiss nicht. Die Polizei sagte mir, er hätte mit Drogen gehandelt.
- Du, kleine Schlampe sagst mir jetzt alles, oder ich prügele es aus Dir heraus. – er wurde überhaupt nicht laut und genau das machte mir unglaubliche Angst.

Ich wollte die Tür aufreissen, aber sie war verriegelt, dann bekam ich den Fensterknopf zu fassen, das Glas glitt sanft herunter und ich übergab mich auf den vorbeiflitzenden Strassenrand. Ich habe nicht mitgekriegt, wie der Wagen stehen blieb. Vor meinen Augen waberte und drehte sich ecklige schwarze Maße, bis mir klar wurde, dass es das Auto ist, und ich durch die Tränen alles verschwommen sehe.
Plötzlich wurde ich an der Schulter herumgerissen und der Fahrer wischte mir das Gesicht mit einem Taschentuch ab.
- Geht’s wieder?
Ich nickte.
- Fang an. – seine ruhige und kalte Stimme verursachte Gänsehaut bei mir.
- Wissen Sie was, ihr Sohn gab mir Geld, damit ich ihn heirate, nicht damit ich von der Polizei verhört werde und auch nicht, damit ich von seinen Verwandten bedroht werde! Ich weiss überhaupt nichts. Vor zwei Wochen kamen zwei Polizisten zu mir und sagten, dass Ilja verhaftet ist, wegen Drogen. Ich fuhr nach Wiesbaden und wurde dort 8 Mal verhört. Ich wusste nichts davon, ich kenne ihren Sohn doch überhaupt nicht richtig! – Tja, das war das Problem mit mir: ein bisschen Angst und verliere jede Vorsicht. Einem russischen Mafioso alles zu sagen, was man denkt, ist nicht klug. Ganz und gar nicht.

Er brachte mich an dem Tag nicht um. Er fasste mich eigentlich überhaupt nicht an. Es war sein Fahrer, der mich überall hin eskortierte. Abends saß ich bereits in Persinis Pizzeria. Sie haben mir gerade 10 min Zeit gegeben, ein paar Sachen in die Reisetasche zu werfen und schon waren wir unterwegs nach Wiesbaden.
Das Restaurant war zu und nur die Familie saß an einem schwach beleuchteten Tisch, so dass wir von der Strasse nicht gesehen werden konnten. Wie in einem schlechten Mafia-Film, kommentierte meine innere Stimme, aber ich befahl ihr die Klappe zu halten, wenn sie schon nichts Konstruktives beizutragen hätte.

- Sie ist sauber, Papa. Wir haben sie doch vor der Heirat überprüft. – ich zuckte zusammen, aber Elena sprach ungerührt weiter. – Schule, gute Noten und ein Bibliotheksstudium. Sie hat noch nie in ihrem Leben Drogen gesehen.
Es klang zwar herablassend, aber mir war es egal. Die Hauptsache war, dass „Papa“ es auch glaubte. Aber er war noch nicht richtig überzeugt. Ich tat mein Bestes, indem ich den Mund hielt und ihn aus meinen großen unschuldigen Bambi-Augen ansah.
- Stille Wasser sind tief.
- Glaubst Du, ich hätte meinen Bruder nach der Geschichte irgendeine Schlampe heiraten lassen?! Sie ist sauber.
- Das werden wir sehen.
Angst hin oder her, ich wurde müde.
- Hören Sie… - ich musste mich räuspern, um meine Stimme wieder zu finden, - ich verstehe ja, dass das alles schlimm für Sie ist, aber ich muss wieder nach Weimar zurück. Meine Arbeit, ich muss morgen wieder im Büro …
- Du fährst erstmal nirgendwohin, bis ich genau weiss, was Du bist.
- Aber …
- Andrej, bring sie nach oben. – Der Fahrer stand auf und trat auf mich zu. Ich konnte mein Herz genau in der Kehle schlagen hören und kriegte keine Luft.
- Hören Sie …
In diesem Moment klingelte das Telefon. Iljas Vater holte das Handy aus seiner Tasche und von einem Moment auf den nächsten färbte sich sein Gesicht lila. Im Ernst, so ein richtig sattes Violett.
Er sagte nur zwei Mal „ja“ und dann legte er wieder auf. Sah mich an und ich beschloss auf der Stelle ohnmächtig zu werden, aber er sagte:
- Wir fliegen nach Moskau. Elena, mach das Flugzeug klar.
Sie fragte nichts und ging in das Nachbarzimmer, ich hörte sie von dort aus telefonieren.
- Was ist mit ihr? – der Fahrer meldete sich zu Wort.
- Sie fliegt mit uns. Nimm ihre Sachen aus dem Wagen.


Tags: литературные страсти
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    На ЖЖ я набрела только в 2009м, а до этого писала где-то в дебрях mail.ru. Были у них когда-то и сайт знакомств, и страницы с личными дневниками, и…

  • Из хорошего

    Наехала тут на Эдика, когда он (опять) впечатался лицом в стеклянную дверь на терассу. Я эту многострадальную дверь должна оттирать каждую неделю и…

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    Я не могу, мне надо выговориться. Я в принципе знаю, что поцарапай у каждого, хоть самого образованного и культурного человека чуточку на…

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