antitonka (antitonka) wrote,
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Ваймарский роман-5

- Was?! Ich kann nicht, hören Sie … - ich hätte auch schweigen können, denn niemand achtete auf meine Wünsche.

Andrej, der mich sowieso um mehr als einen Kopf überragte, nahm meinen Arm und führte mich ins Auto. Ich bemerkte erst jetzt, dass da noch zwei Männer waren, die unauffällig Reshetnikoff-Senior eskortierten und immer die Strasse im Auge behielten. Das sind Bodygards, schoss mir durch den Kopf. Der Schlamassel um mich herum nahm immer größere Dimensionen an.


Eine Stunde später saßen wir im Bauch eines Privatflugzeugs. Von Frankfurt aus direkt nach Moskau. Ohne Zoll, Passkontrolle oder Warteschlangen, die ich von meiner letzten Reise nach Russland kannte. Russland. Heilige Mutter Gottes, ich wurde nach Russland entführt!
Ich versuchte noch mal, mit Eduard Sergeewitsch zu sprechen, doch er sah mich nur einmal an und dann hielt ich wieder den Mund. Im Stillen verfluchte ich mich, dass ich nicht schon vorher weggelaufen bin. Zumindest wäre ich noch in Deutschland. Jetzt befanden wir uns in der Luft, wer weiss wo und ich hatte keine Ahnung von Moskau. Ich musste die deutsche Botschaft finden und mich nach Hause bringen lassen. Natürlich hatte mein Bewacher, Andrej meinen Ausweis einkassiert. Und auch die Reisetasche lag jetzt irgendwo, in diesem Flugzeug. Was soll’s, auf die Klamotten konnte ich verzichten. Hauptsache, ich kam wieder nach Hause.
Aber sie ließen mir keine Chance. Immer von allen Seiten von den Bodygards umgeben, Andrejs Arm um meine Schultern, liefen wir fast durch die Menschenmaßen auf dem Scheremet’evo und saßen nach wenigen Minuten bereits in Reshetnikoffs Jeep. Vierzig Minuten später fuhren unser Wagen und noch zwei weitere durch ein Tor, eine lange, von Birken umsäumte Allee und ich sah in der Abenddämmerung einen Palast. Protzig, gigantisch und einschüchternd, erinnerte es stark an die Eremitage in St.-Petersburg, nur ein weinig kleiner.
Wir stiegen aus und gingen ins Haus. Einer der Männer trug auch meine Tasche. Andrej wurde wohl ausschließlich mir zugeteilt, denn er nahm mich wieder am Arm.
- Eduard Sergeewitsch, bitte, ich möchte nach Hause. Sie können mich doch nicht hier festhalten. – Er blieb stehen und drehte sich zu mir:
- Entweder Du bleibst hier oder ich stecke Dich ins Gefängnis.
- Aber ich habe doch nichts getan!
- Das glaube ich erst, wenn ich Beweise habe. Ich habe genug zu tun und bis ich wieder Zeit habe, bleibst Du unter meiner Aufsicht. Verstanden?
Das reichte. Ich zuckte ein paar Mal, sah mich hilflos um und schaute ihn wieder an.
- Mir ist schlecht… - flüsterte ich und Andrej packte mich und brachte in ein Badezimmer, wo ich mich übergeben konnte. Er stand die ganze Zeit daneben, während mein Körper von Krämpfen durchgeschüttelt wurde.
- Was ist mit Dir? Bist Du schwanger? – er reichte mir ein Handtuch, während ich mir das Gesicht wusch.
- Mir wird immer schlecht, wenn ich mich so erschrecke. Ist nur bis jetzt noch nicht so häufig vorgekommen.
- Aha. – er führte mich wieder zurück. Schon von weitem hörte ich, wie Reshetnikoff-Senior jemanden anbrüllte und verlangsamte meine Schritte, doch Andrej zog mich weiter.
Das musste dann wohl sein Büro sein. Dunkles Holz, ein wuchtiger Schreibtisch und prallgefüllte Bücherregale bis zur Decke. Hier wurde auch kein Klischee ausgelassen, bis hin zu einem Kamin und grünen Ledersessel. Mein „Schwiegervater“ hatte sich wieder beruhigt und schaute mich mürrisch an.
- Sie ist schwanger. – meldete sich Andrej zu Wort.
- Bin ich nicht! – erst später dachte ich daran, dass es nicht ganz schlecht wäre, wenn sie glauben würde, ich trüge Iljas Kind unter dem Herzen, aber es war zu spät. Ich konnte natürlich meine Klappe nicht rechtzeitig halten.
- Ein Arzt soll sie untersuchen. – Iljas Vater schrieb etwas in seinen Kalender, ohne mich anzusehen.
- Nein! Hören Sie! – ich lehnte mich an seinen Schreibtisch, um meine Worte zu betonen – Ich … bin … nicht schwanger! – das hat ihn auch nicht beeindruckt.
- Das werden wir dann sehen. – endlich sah er mich an, und ich wünschte sofort, er würde mich weiter ignorieren. Sein Blick war kaum zu ertragen. – Du wirst hier wohnen. Fühl’ Dich wie mein Gast, das Haus und der Garten stehen zu Deiner Verfügung. Versuchst Du wegzulaufen, sperre ich Dich ein. Telefon nur mit Andrejs Erlaubnis. Wenn er Dich länger als 20 min nicht sieht und nicht weiss, wo Du gerade bist, sperre ich Dich ein…
Das reichte jetzt wirklich. Ich machte die Augen zu und fühlte noch wie mein Körper fast schwerelos nach hinten schwebte, als die Dunkelheit über mich hereinbrach.

Eine Ohnmacht hat einige Vorteile. Man fühlt nichts, denkt nichts und macht sich auch keine Sorgen. Nur beim Aufwachen fühlt man sich so übel, als hätte man drei Tage und Nächte hindurch Selbstgebranntes getrunken. Nicht, dass ich so etwas schon mal gemacht hätte, aber ungefähr so stelle ich mir einen mordsmäßigen Kater vor. Vor lauter Selbstmitleid stöhnte ich leise und fühlte sofort etwas Feuchtes am Gesicht.
An dieser Stelle sollte ich erwähnen, dass ich wahnsinnige Angst vor Spinnen habe – jeder Form und Größe. Im alltäglichen Leben ist so etwas ziemlich lästig, kann ich nur sagen. Und auch jetzt bei dieser seltsamen Berührung konnte ich nichts anderes tun als an riesige haarige Spinnenbeine an meinem Gesicht denken und schreiend aufspringen.
- Still, still! Ist ja gut! – Andrej hielt mich an den Schultern fest und sprach auf mich ein. – Himmel, was bist Du denn für eine?! Ganz ruhig…
Als ich mich dann beruhigte, sah ich auch, dass ich in einem Bett lag. Meine Kleidung war verschwunden und ich trug ein Nachthemd … fast viktorianisch, mit Rüschen und Engelchenmuster. Eine Nachtischlampe beleuchtete ein Himmelbett, in dem ich lag und einen Sessel. Der Rest des Zimmers versank im Dunkel. Noch eine Filmkulisse…
- Wo bin ich? – hauchte ich ganz dem Genre entsprechend.
- Das ist Dein Zimmer. Du warst ohnmächtig. Sofia Pawlowna hat sich um Dich gekümmert. Und der Arzt war da.
Das waren ganze vier Sätze auf einmal. Soviel habe ich ihn noch nicht reden hören und das machte mich stutzig.
- Was ist denn los? – aber er zuckte nur mit den Schultern und setzte sich in den Sessel.
- Willst Du essen? In der Küche ist bestimmt noch jemand und macht Dir etwas warm.
- Wer ist Sofia Pawlowna?
- Die Haushälterin. Sie kocht gut.
Nein, er war eindeutig zu nett, aber ich wollte gar nicht herausfinden, wieso. Die Neuigkeiten sollte man sich einteilen und ich hatte genug für heute. Apropos heute…
- Wie lange war ich weg?
- Sechs Stunden. Wir haben jetzt 3 Uhr morgens. Willst Du was essen oder nicht?
- Ja. Gehen Sie bitte raus.
- Wieso?!
- Ich möchte mich anziehen.
Er warf mir einen nachdenklichen Blick herüber und ging wortlos aus dem Zimmer. Die Tür blieb einen Spalt offen. Ich wollte sie zumachen, aber er hielt sie fest und schüttelte den Kopf. Ich beließ es dabei.
Außer dem Bett gab es noch einen Schrank, in dem tatsächlich meine Kleider hingen und noch eine Tür, hinter der sich ein Badezimmer befand. Ich weiss nicht, warum gerade dieser Anblick mich so fertig machte. Vielleicht, weil mir da klar wurde, dass ich hier länger bleiben würde. Meine Beine knickten ein und ich saß plötzlich auf dem Fußboden, unfähig die Tränen zurück zu halten. So heulend, fand mich Andrej nach ein paar Minuten. Er seufzte nur und beugte sich zu mir herunter.
- Fass mich nicht an! – ich versuchte auszuweichen, aber er packte mich wie eine Puppe und trug wieder ins Bett.

Ich brauchte noch einen ganzen Tag, um mich tatsächlich zu beruhigen. Irgendwann hörte ich einfach auf zu weinen. Meine Augen taten weh und ich mein Kopf fühlte sich an, wie ein ausgefüllter Luftballon. Andrej saß die ganze Zeit in meinem Zimmer und las in den Zeitschriften. Am nächsten Morgen fühlte mich einigermaßen menschlich und wurde sogar auf das Haus neugierig. Also schickte ich meinen Bewacher wieder aus dem Zimmer, wobei er mich misstrauisch beäugte, aber nichts sagte. Offenbar erwartete er den nächsten Zusammenbruch, aber damit war ich jetzt durch.
Ich hatte recht mit meinem ersten Gedanken, als ich dieses Haus sah: es erinnerte tatsächlich an ein Museum. Überall waren Antiquitäten: von bronzegefassten Spiegeln und Gemälden auf den mit Seide bespannten Wänden bis auf die verblichenen Aubusson-Teppichen auf dem warm glänzenden Parkett. Hohe, mit Stuck verzierte Decken, von denen gewaltige Lüster hingen, gewundene Treppen und eine wunderschöne Bibliothek. Ein großzügiger Raum, mit Bücherregalen bis an die bestimmt 3m-hohe Decke und praktische Leiter für die oberen Ebenen, einer Sofagruppe vor dem Kamin und zierlichen Tischchen neben jedem Sessel. Ganze Regalmeter von Folianten waren einheitlich in dunkles Kalbsleder gebunden, andere wiederum in helles, cremefarbenes Schweinsleder. Ein paar Pergamenteinbände hier und da und umfassende Werkausgaben von so ziemlich jedem Schriftsteller, den ich kannte. Sogar Krimis aus den letzten Jahren waren sorgfältig in einem gesonderten Regal nach Autor und Titel sortiert, was mich schmunzeln ließ.
Ich beschloss, auf meine jetzige Situation zu pfeifen und kramte selbstvergessen in den Regalen. Irgendwann zupfte Andrej mich am Fuß – ich saß gerade auf der obersten Stufe der Leiter und las mich durch ein slawisches Lektionar. Die Reichen von heute sammelten wohl alles, was sie in die Finger kriegen konnten. Wie sonst konnte man es sich erklären, dass ich gerade eine Handschrift aus dem 15. Jahrhundert in den Händen hielt?
- Willst Du nicht essen? – er hatte heute noch kein Wort mit mir gesprochen.
- Wie spät ist es denn?
- Drei Uhr nachmittags. Komm, Du kannst später noch lesen.
- Ich bin eigentlich nicht hungrig…
Aber er hörte nicht auf mich, sondern nahm mich einfach herunter. Ehrlich gesagt, setzte mich das in Erstaunen. Es ist ja nicht so, dass ich die leichteste Person wäre. So um die 60 kg bringe ich bestimmt auf die Waage und egal, was ich unternehme, ich nehme nichts ab. Aber er trug mich durch die Gegend, wie ich meine Handtasche. Gerade jetzt nahm er mir auch alle Bücher ab, die ich unter den Arm klammerte und legte sie auf den Tisch.
- Du kannst nachher wieder kommen.
Ich zuckte mit den Schultern und ging mit ihm.
- Wo ist eigentlich Eduard Sergeewitsch? – Nicht, dass ich ihn unbedingt wieder sehen wollte, aber vielleicht würde er mich endlich frei lassen?
- Er ist nicht da. – Aha, jetzt ist mir alles klar.
- Und wann kommt er?
- Bald.
- Andrej… - ich fasste ihn am Ärmel, damit er stehen blieb. – Ich muss meine Eltern anrufen. Wo ist mein Handy? – er sah mich wieder so seltsam an.
- Du kannst aus dem Büro anrufen. Willst Du es jetzt machen? – ich nickte nur.
Das schwierigste war, den leichten, belanglosen Ton beizubehalten. Ich erzählte meiner Mutter, dass ich überraschend auf eine Tagung für ein paar Tage fahren musste, in der Hoffnung, dass ich tatsächlich schon bald wieder in Deutschland wäre.
- Wieso hast Du sie angelogen? – fragte Andrej mich, als ich den Hörer auflegte.
- Hätte ich meinen Eltern erzählen sollen, dass ich nach Russland verschleppt wurde?! Sie sind nicht mehr die Jüngsten, ich will sie nicht aufregen. Es ist besser, wenn sie nichts von alledem mitbekommen.
- Hast Du ihnen deshalb nichts von Deiner Heirat erzählt?
- Habt ihr es ihnen gesagt?! – ich fühlte förmlich wie mein Blut nach unten stürzte.
- Nein, haben wir nicht. – er trat zu mir und beobachtete mich kritisch. – Elena Eduardowna erzählte es. Du fängst doch nicht wieder an zu kotzen, oder?
Ich achtete nicht auf ihn. Aber so einfach ließ er sich auch nicht mehr ignorieren: er nahm mich wieder am Arm und führte in die Küche. Dort hantierte eine hübsche ältere Dame am Herd.
- Na endlich seid ihr da! Ich habe Borsch gemacht. Habt ihr euch die Hände gewaschen?
- Veronika Jakowlewna, das ist Sofia Pawlowna, die beste Köchin der Welt. – ich zuckte zusammen, als Andrej meinen vollständigen Namen sagte. Seit über 15 Jahren habe ich ihn nicht mehr gehört. In Europa reicht nur der Vor- und Nachnahme. Das war ein weiterer kleiner Beweis, dass ich in einer anderen Welt gelandet bin. – Veronika Jakowlewna ist ein Gast von Eduard Sergeewitsch.
- Dann möchten Sie vielleicht im Esszimmer speisen? Ich lasse den Tisch sofort decken…
- Nein, nein, vielen Dank! – Das fehlte noch, dass ich alleine irgendwo meine Suppe löffelte. - Ich würde gern hier essen, falls ich nicht im Weg bin.
- Nun gut. – Sie hatte so ein freundliches, warmes Lächeln, vielleicht könnte ich mich mit ihr anfreunden, und sie würde mir helfen zu fliehen? Aber Andrej sah mich an und schüttelte kaum merklich den Kopf, als ob er genau wüsste, was ich gerade dachte.
Drei Tage vergingen, ehe ich meinen „Schwiegervater“ wieder sah. Er kam meistens nachts nach Hause: ich sah die Scheinwerfer von meinem Fenster aus aufleuchten. Aber morgens war er dann wieder weg. Meine Hoffnung verschwand langsam, ich konnte mich nur in der Bibliothek ein wenig ablenken. Es gab kein Verzeichnis der Büchermenge, so dass ich anfing einen Katalog zu erstellen, um mich zu beschäftigen. Als Andrej bemerkte, was ich da mache, brachte er mir einen Laptop. Dadurch hatte ich ein paar wenige Programme, aber keinen Internetzugang, um eine E-mail zu schreiben und um Hilfe zu bitten. Er saß für gewöhnlich in einem der Sessel und las in einer Zeitschrift. Es schien ihn überhaupt nicht zu langweilen, die ganze Zeit schweigend bei mir zu sitzen. Er sagte nur etwas, wenn es wieder Zeit zum Essen war oder er meinte, dass ich eine Pause brauche. Dann holte er mich von der Leiter, wo ich meistens mit dem Laptop auf den Knien, saß und brachte mich in die Küche oder in mein Zimmer.

Tags: литературные страсти
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  • Из хорошего

    Наехала тут на Эдика, когда он (опять) впечатался лицом в стеклянную дверь на терассу. Я эту многострадальную дверь должна оттирать каждую неделю и…

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    Учительница передала через детей своё "фи" на моё вчерашнее отсутствие. Но вроде дети ничего не поняли, а мне по барабану. Ну на самом деле…

  • Вчера было родительское собрание.

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